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Buchkritik: GAZZA 20. Juli 2007

Posted by M@x in Fussball International, Medien.
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Paul Gascoigne hat zweifellos viel erlebt in den letzten 40 Jahren. Einer der besten englischen Fussballer aller Zeiten hat darüber ein Buch geschrieben, welches ich in den vergangenen Wochen gelesen habe und heute vorstellen möchte. Bei wohl keinem anderen Spitzensportler des 20. und 21. Jahrhunderts ist die Floskel “zwischen Genie und Wahnsinn” so zutreffend wie auf den 1967 geborenen Gascoigne. Schon der Blick auf die erste Seite verrät: Dieses Buch ist keine übliche Autobiographie, mit der sich ein alternder Sportler selber ein Denkmal bauen will. Direkt nach Aufschlagen des Buches schlägt dem Leser eine etwas verwirrende Grafik entgegen: Nachdem man sich einen Überblick verschafft hat, wird eine Auflistung anhand eines Zeitstrahls deutlich – darin kommen immer wieder die selben Begriffe vor: Alkohol, Tabletten, Depression, Schlägereien, Selbstmordgedanken usw. Hinter dem vermeintlichen Lebemann Paul Gascoigne steckt anscheinend ein psychisches Wrack.

Gascoigne wuchs in Newcastle in einfachen Verhältnissen auf. Bereits als Kind kann er sich viele Streiche nicht verkneifen und handelt sich damit immer wieder Ärger ein. Aber für eine Sache arbeitet der kleine Paul sehr ernsthaft: Er will Profifussballer werden. Bereits im Jahr 1984, mit 17 Jahren gibt er gegen die Queens Park Rangers sein Debüt in der englischen Profiliga. Ein Jahr später wurde er zum Stammspieler, und im Jahr 1988 zog es den hochtalentierten Gascoigne in die Haupstadt zu den Tottenham Hotspurs. Im selben Jahr das Debüt in der Nationalmannschaft – der Weg für eine großartige Karriere eines Spielers, der internationale Massstäbe in den 1990er-Jahren hätte setzen können, schien vorgezeichnet. Doch im Jahr 1991 verletzte er sich so schwer am Knie, das er fast ein Jahr pausieren musste. Mit dieser Verletzung begann der große Leidensweg Gascoignes. In den folgenden drei Jahren bei Lazio Rom absolviert “Gazza” lediglich 47 Spiele, weil ihn immer wieder das Verletzungspech heimsucht. 1995 kehrt er auf die Insel zurück, zu den Glasgow Rangers, wo er wohl seine beste Zeit erlebt hat. Aufgrund der vielen Eskapaden des Mittelfeld-Stars außerhalb des Platzes wird Paul im 1998 nach Middlesbrough verkauft. Zu diesem Zeitpunkt allerdings wird der Verfall eines vergeudeten Talentes immer deutlicher. Nach der Nicht-Nominierung zur WM 1998 demoliert Gascoigne ein Hotelzimmer der englischen Teamunterkunft. Bis zum Jahr 2002 spielt er nur noch vereinzelt für “Boro” und den FC Everton, allerdings verbringt Gascoigne mittlerweile mehr Zeit in Entzugskliniken als auf dem Trainingsplatz. Die gesundheitlichen Probleme lassen nur noch drei kurze Stationen zu: 6 Spiele für den FC Burnley (2002), 4 Spiele für den chinesischen Verein Gansi Tiama (2003) und 6 Spiele für Boston United. Der endgültige gesundheitliche Kollaps (Magengeschwüre, Lungenentzündung) sorgte 2004 endgültig für das Karriereende von Paul Gascoigne.

Zu Beginn erinnerte mich diese Gascoigne-Biographie an die von Stefan Effenberg: Sensationsgeil und durchschaubar einfach gestrickt. Genauso geht es auch bei “Gazza” los. Doch bald schon merkt der Leser, das mit diesem Spieler wirklich etwas nicht stimmen kann. Ich kannte Paul Gascoigne bis zum Lesen dieses Buches nur von Erzählungen, und selbst da nur sehr lückenhaft. Zu seinen Bestzeiten bis Mitte der 1990er-Jahre war ich noch zu jung, um mich ernsthaft mit Fussball zu beschäftigen. Und in den nächsten Jahren, als er mehr durch Alkoholeskapaden als großartige Leistungen auf sich aufmerksam machte, nahm ich internationalen Fussball bestenfalls als Randnotiz war. So ging ich also einigermaßen unvoreingenommen an dieses Buch heran. Für meinen Geschmack behandelt das Buch viel zu wenig den sportlichen Teil. Selbst auf die wichtigsten Spiele seiner Karriere geht Gascoigne nur in Bruchstücken ein. Über seine sicher zahlreichen interessanten kleinen Geschichten am Rande des Feldes hüllt “Gazza” den Mantel des Schweigens. Stattdessen bekommen in großem Maße seine Alkoholprobleme, die Tablettensucht, die Depressionen, die eigenartige Beziehung zu seiner Frau Shel riesige Abschnitte im Buch. Das mag sicherlich in Auszügen interessant sein, aber dass das in quasi jedem Kapitel rauf und runter geleiert wird, wurde nach einiger Zeit sehr einseitig. Ich für meinen Teil jedenfalls muss nicht seitenlang lesen, wie Gascoigne durch seine Verletzungen Depressionen bekam, dem Alkohol zugängig wurde und tausenden kleine nervöse Ticks entwickelte.

Am Ende des Buches scheint Gascoigne gereift. Er reflektiert einigermaßen kritisch seine Karriere, die vergebenen Chancen im Sport und auch Privat. Eigentlich ist es müßig zu erwähnen, dass auch die Ehe zu seiner Frau Shel wegen Fehlverhaltens von Gascoigne in die Brüche ging – nur wenige Wochen nach der Hochzeit schlug “Gazza” seine Frau und läutete somit auch wieder das Ende der Beziehung ein. Die Folge war eine richtige Schlammschlacht, denn die geschiedene Frau verdiente mit verschiedenen Enthüllungsserien in Boulevard-Magazinen eine Menge Geld, indem sie private Geschichten aus dem Leben mit Paul ausplauderte. In den letzten Kapiteln beschreibt Gascoigne seinen endgültigen gesundheitlichen Kollaps. Er gelobt Besserung, will dem Alkohol entsagen und hat bereits mehrere Entziehungskuren hinter sich. Aufgrund der starken gesundheitlichen Probleme liegen auch die Pläne zur Trainerkarriere auf dem Eis. Erst vor knapp zwei Monaten wurde er wegen eines durchlöcherten Magengeschwüres wieder in das Krankenhaus eingeliefert (Quelle).

Fazit: Wer, wie ich hofft, mit dem Lesen von “GAZZA – Mein verrücktes Leben” Einblicke in das Innenleben des englischen Fussballs zu bekommen, wird enttäuscht. Das ganze Buch ist sehr fixiert auf das Gesamt-”Kunstwerk” Paul Gascoigne. Ansich bei einer Autobiographie nicht ungewöhnlich, doch der sportliche Teil kommt eindeutig zu kurz. Der Leser wird auf eine harte Probe gestellt, denn die ausschweifenden Passagen, die teilweise zu einer eigenen Psycho-Analyse verkommen, sind langatmig und uninteressant. Ich bereue es nicht, dieses Buch gelesen zu haben, doch für eine unbedingte Weiterempfehlung reicht es nicht.

Kommentare»

1. chieff - 22. Juli 2007

Danke für diese Zusammenfassung. Für mich wäre das Buch wohl nichts, da ich mich mehr für die Liga interessiere.

Ein Buch würde ich aber lesen, wenn es das Buch geben würde. Ein Buch über Jose Mourinho. Ich finde den Typen einfach klasse…