Zweitklassiger Größenwahn 4. September 2007
Posted by M@x in Bundesliga.add a comment
Schießt Geld Tore? Diese Frage stellt sich die Fussball-Welt nicht erst seit der spektakulären Einkaufstour der TSG 1899 Hoffenheim in dieser Saison. Das Modell, dass ein Verein mit den Millionen privater Mäzen nach oben kommt, ist nicht zuletzt dank der Entwicklung in England in den letzten Jahren ein heißes Gesprächsthema. Einerseits bringen die Millionen-Transfers die Vereine sicher sportlich voran, doch bleibt dabei nicht die Identifikation der teuer erkauften Spieler mit dem Verein auf der Strecke?
Um uns das ganze Ausmaß des Hoffenheimer Kaufrausches vorzustellen, zu Beginn eine Auflistung der neuen Spieler seit Saisonbeginn mit deren Ablösesummen (Quelle: Transfermarkt.de):
- Per Nilsson (von Odd Greenland für 1,9 Millionen Euro)
- Tobias Weis (von VfB Stuttgart für 150.000 Euro)
- Carlos Eduardo (von Porto Alegre für 7,0 Millionen Euro)
- Vedad Ibisevic (von Alemannia Aachen für 1,0 Millionen Euro)
- Edu (von Lyn Oslo für 5,0 Millionen Euro)
- Demba Ba (von Excelsior Mouscron für 3,0 Millionen Euro)
In der Summe ergibt das Transferausgaben von knapp 18 Millionen Euro. Entweder das Scouting-System in Hoffenheim ist dermaßen genial ausgebaut, dass sich die horrenden Ausgaben schon bald rechtfertigen. Oder die Führungstruppe im Badischen ist dermaßen naiv, dass sie wirklich glauben, mit Geld ließen sich alle Probleme lösen. Millionen-Ablösesummen sind zwar heutzutage auch für weniger namhafte Spieler keine Seltenheit mehr, doch für diese Spieler – Talent hin oder her – solche Summen zu investieren erscheint mir sehr fragwürdig. Nehmen wir nur Demba Ba als Beispiel. Der 22-jährige Senegales mit französischen Pass wechselte vor nur einem Jahr ablösefrei vom FC Rouen nach Mouscron. Und jetzt plötzlich soll er 3 Millionen Euro wert sein? Vielleicht ist das eine Milchmädchenrechnung, aber wenn er wirklich so ein großes Talent ist, warum waren dann nicht wesentlich größere Vereine mit potenteren Geldgebern im Spiel dabei? Nein, auch zu Zeiten wo für einen völlig indisponierten Andrej Shevchenko 45 Millionen Euro investiert werden, fehlt mir dafür das Verständnis. Doch zumindest in einer Hinsicht hätte sich der erste Transfer bereits gelohnt: Im Spiel gegen den SC Freiburg am Montagabend hätte Edu mit zwei Treffern beinahe wieder einige Cent seiner Ablösesumme eingespielt. Doch auch nach vier Spieltagen steht die TSG Hoffenheim ohne Sieg da, rangiert mit nur einem einzigen Zähler auf dem vorletzten Tabellenplatz.
Der Präsident des Ligakonkurrenten VfL Osnabrück, Dirk Rasch, betitelte die Hoffenheimer sehr treffend als „Der FC Chelsea der Zweiten Liga„. Passend zum für den kleinen Ort Hoffenheim überdimensionierten Verein ist mit Ralf Rangnick ein hochkarätiger Übungsleiter auf der Gehaltsliste von Mäzen Dietmar Hopp. Dieser Ralf Rangnick gab am Montag dem Kicker ein Interview, welches mir in seiner grenzenlosen Brisanz erst heute beim zweiten Lesen richtig bewusst wurde. Einige Passagen daraus möchte ich nicht unkommentiert lassen:
Für uns muss eine Marktwertsteigerung realistisch sein. Wir machen es uns zur Aufgabe, dies mit den Spielern zu erreichen.
Immerhin redet Rangnick nicht um den heißen Brei: Das Ziel der Transferpolitik ist es, die Spieler gewinnbringend zu verkaufen. Ich halte es aber für einen kleinen Verein, wie es die TSG Hoffenheim immer noch ist, sehr fragwürdig die Marktwertsteigerung seiner Spieler als eines der wichtigsten Ziele auszugeben, quasi in die Vereinsphilosophie aufzunehmen. Außerdem kommen mir Zweifel, ob sich die investierten Millionen in der zweiten Bundesliga wirklich derart steigern lassen, wie sich die Verantwortlichen dass erträumen.
Es gab Vereine [...] die bedeutend mehr boten. Wir handeln also zu sehr vernünftigen Konditionen. [...] Aber glauben sie, ich wäre nach Hoffenheim gekommen, wenn man mir diese Möglichkeiten nicht vorher aufgezeigt hätte?
Und wir führen uns noch einmal vor Augen, dass die Hoffenheimer soeben erst aus der Regionalliga aufgestiegen sind. Außerdem wäre da das „Dietmar-Hopp-Stadion“, dass sensationellen 6.350 Zuschauern Platz bietet. Da kann doch bei Investitionen von 7 Millionen Euro nicht mehr über vernünftige Konditionen gesprochen werden. Natürlich ist es legitim, dass vorhandenes Geld sinnvoll investiert wird. Aber irgendwie will ich mich mit dem Hoffenheimer Konzept nicht anfreunden. Seit einem Jahr sitzt Rangnick nun dort auf der Bank. Dass es zu Millionen-Investitionen kommt, muss ihm wohl schon bei Amtsantritt versprochen worden sein, sonst hätte er sich niemals auf einen Fünfjahres-Vertrag eingelassen.
(kicker) Konterkarieren teure Einkäufe nicht Ihr Jugendkonzept? Im Gegenteil!
Doch! Es ist zwar schön und gut, dass Hoffenheim vier Jugendnationalspieler hat, aber wie sollen sich diese Jungs durchsetzen, wenn ihnen Millionen-Verpflichtungen vor die Nase gesetzt werden? Nicht zu unrecht kritisieren Kollegen aus der zweiten Liga die Hoffenheimer. Etwa Holger Fach: „Das Gerede mit den Talenten aus der Region muss man aber sein lassen.“ Oder Guido Buchwald: „Ich habe ein Problem damit, wenn Hoffenheim das falsch etikettiert und behauptet, ein Jugendkonzept zu verfolgen.“ Oder Christian Heidel: „Es ist grotesk, von Jugendkonzept zu reden.“ Das Hoffenheimer Jugendkonzept als falsche Etikette. Auf jeden Fall wird der kleine Verein jetzt unter besonderer Beobachtung stehen. Nicht nur dass der kleine FC Chelsea schon wegen der übermäßigen Geldmittel schief angeguckt wird, jetzt kommt auch noch der Verdacht auf Etikettenschwindel hinzu. Auch ich finde die Hoffenheimer Haltung, trotz der Neueinkäufe von einem regionalen Jugendprogramm zu sprechen, lächerlich. Mit den teuren Neuverpflichtungen wird dieses vorher durchaus verfolgte Konzept erst einmal in den Hintergrund gedrängt.
Das ist der Unterschied. Hier ist alles auf die nächsten 20, 30 Jahre schriftlich fixiert.
Das muss man den Hoffenheimern und auch Sponsor Dietmar Hopp zu Gute halten. Ich verfolge die Hoffenheimer Entwicklung, seit sie 2001 in der Regionalliga Süd gespielt haben. Es war immer von einem langfristigen Konzept die Rede, dafür spricht auch, dass trotz sechsjähriger Regionalliga-Zugehörigkeit nicht überhastet gehandelt wurde. Der Verein hat sich in aller Ruhe im Spitzenfeld der Regionalliga etabliert und schaffte im vergangenen Jahr den Aufstieg. Jetzt ist Dietmar Hopp dort angekommen, wo er hinwollte: In den Profi-Fussball. Mit den Neuzugängen kann aber durchaus von einem Konzept-Wandel gesprochen werden, oder zumindest einer Stauchung des langfristig angelegten Plans. Da kann noch so sehr beteuert werden, die 18 Millionen-Investition muss für deutlich schnelleren Erfolg sorgen als in der Regionalliga. Mittelfristig heißt das Ziel von Dietmar Hopp Bundesliga. Nachdem ich bisher doch sehr auf den Hoffenheimern rumgeritten bin, jetzt auch einmal einige Worte des Lobes: Auf der Ebene der sportlichen Leistung wird hervorragende Arbeit geleistet. Der Trainer- und Führungsstab ist sehr prominent besetzt: Ralf Rangnick als Cheftrainer, der langjährige Freiburger Co-Trainer von Volker Finke, Achim Sarstedt, assistiert jetzt in Hoffenheim. Dazu kommt Philipp Laux als Torwarttrainer und Ex-Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters als Direktor für Jungendförderung.
Vor etwa zwei Monaten war ich auf einer Feier im Badischen, nur wenige Kilometer von Hoffenheim entfernt. Da auch dort viele Fussball-Fans zugegen waren, kam die Sprache unweigerlich auf die TSG Hoffenheim. Natürlich wird auch in der direkt betroffenen Region die ganze Sache kritisch beobachtet. Die moralische Frage hinter dem „gekauften“ Erfolg der Hoffenheimer (wo wäre dieser Verein ohne Dietmar Hopp?) wird hinterfragt. Aber am Ende kam eine Quintesenz: Für die Region ist die Entwicklung in der kleinen Ortschaft sehr gut. Durch die höhere Medienpräsenz profitiert diese wunderschöne Gegend wirtschaftlich, aber auch durch einen Imagegewinn und damit verbundenen höheren Einnahmen aus Freizeit- und Tourismusbranche. Unbestritten ist, dass Dietmar Hopp trotz dem Ziel, die Neueinkäufe später gewinnbringend zu verkaufen, der Fussball in der Region am Herzen liegt. Neben dem Hoffenheimer Projekt, wo natürlich nur begrenzte Kapazitäten vorherrschen, wollte Hopp 2005 seinen Verein mit Astoria Walldorf und SV Sandhausen fusionieren zum „FC Heidelberg 06″ und damit natürlich eine wesentlich größere Stadt auf der Fussball-Landkarte platzieren. Das scheiterte jedoch am Widerstand der involvierten Klubs. So führt Hopp die Weiterentwicklung des Fussballs in der Rhein-Neckar-Region mit den Hoffenheimern fort und spendiert jetzt das neue „Hopp-Stadion“ gegenüber des Auto- und Technikmuseums in Sinsheim. Die bundesligataugliche Arena bietet knapp 30.000 Besuchern Platz, gebaut wird seit Mai dieses Jahres, das Stadion soll 2009 fertiggestellt werden. Ob die Hoffenheimer bis dahin zu einer Spitzenmannschaft geworden sind? Eine Leistungssteigerung jedenfalls ist zwingend nötig, auch wenn es gestern gegen Freiburg schon positive Ansätze zu sehen gab. Unter anderem zwei Tore von Edu. Aber bleibt Hopp auch ruhig, wenn die erste Saison im Profigeschäft weniger erfolgreich verläuft?
Fazit: Die Hoffenheimer Entwicklung spaltet die Gemüter. Fragwürdig bleiben die hohen Summen, die seit dieser Saison investiert werden und die damit verbundene Zurückstellung des lobenswerten Jugendkonzeptes. Andererseits sind durch Mäzen hochgezogene Vereine heute keine Seltenheit mehr, und mit dem großen Imagegewinn für die Region freut mich aus persönlicher Sicht die Hoffenheimer Geschichte doch.
In England bahnt sich jetzt ein Pendant zu den Hoffenheimern an. Oder wohl doch noch vier bis fünf Nummern größer: Die beiden aus der Formel 1 bekannten Manager Bernie Ecclestone und Flavio Briatore haben für knapp 21 Millionen Euro den englischen Zweitligisten „Queens Park Rangers“ übernommen. Seit dem Abstieg aus der Premier League 1996 ging es zumeist nur abwärts, in den letzten Jahren kämpfte man in der „Football League Championship“ gegen den Abstieg. Momentan steht QPR nach vier Spieltagen auf dem 22. Platz, und damit auf einem Abstiegsrang. Dass die Entwicklung bei den Londonern weniger gemächlich vonstatten gehen wird, ist abzusehen. Jedenfalls sind Briatore & Ecclestone in illustrer Gesellschaft, denn zu den Fans des Vereins zählt Pete Doherty. Es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis ein prominenter Trainer auf der Bank der Quenns Park Rangers Platz nimmt …