Frauen WM im Reich der Mitte 5. September 2007
Posted by Moritz in Fussball International.add a comment
Dieser Tage fährt eine deutsche Fußballnationalmannschaft mal wieder als Titelverteidiger zu einem internationalen Großereignis, denn in China beginnt am nächsten Montag die Frauen-Weltmeisterschaft im Fußball. Das fünfte Turnier seiner Art kehrt mit vier Jahren Verspätung an seinen Ausgangspunkt zurück, wo seine Geschichte vor 16 Jahren begann, da das letzte Turnier wegen einer SARS-Epidemie in Asien kurzfristig in die USA verlegt worden war. Nun, ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Peking, steht dem Turnier nichts mehr im Wege. In insgesamt fünf modernen Stadien werden die Frauen das beste Fußballteam ermitteln.
Nach einer erfolgreichen Qualifikation nehmen 15 Länder sowie der Gastgeber an der WM teil. Dabei stellt Europa mit Dänemark, Deutschland, England, Norwegen und Schweden die größte Fraktion. Aus Asien werden Australien, China, Japan und Nordkorea teilnehmen. Die Verbände aus Süd- bzw. Nord- und Mittelamerika sowie Afrika entsenden mit Argentinien und Brasilien, Kanada und den USA sowie Ghana und Nigeria jeweils zwei Mannschaften um den Turniersieg zu erringen. Schlussendlich wird auch noch Neuseeland am Turnier teilnehmen.
Mit der deutschen Mannschaft startet auch einer der Favoriten am Montag im Eröffnungsspiel in Shanghai in das Turnier. Als amtierender Welt- und Europameister zeigten die Schützlinge von Trainerin Silvia Neid keine Blöße, indem sie ohne Punktverlust keine Zweifel an einer erfolgreichen Qualifikation ließen. Die dabei erzielte Tordifferenz von 31:3 spricht für sich. Ins WM-Jahr startete die Mannschaft jedoch verhalten. Beim Vier-Nationen-Turnier reichte es bloß für drei magere Torlose Spiele und beim auch Mini-WM genannten Algarve-Cup belegte man nach vier Niederlagen und nur einem Sieg den achten Rang. Doch mit Beginn der EM-Qualifiktion fand das Team zurück zu seiner Torlaune, erzielte Treffer wie am Fließband und musste nur noch ein Unentschieden gegen WM-Konkurrent Norwegen hinnehmen. Dabei offenbarte sich aber das sich die Mannschaft noch nicht in ihrer Optimalform befindet.
Das Aushängeschild der Mannschaft ist sicherlich die Offensive, die in der mehrfachen Weltfußballerin Birgit Prinz ihr Prunkstück besitzt. Aber auch ihre Sturmpartnerinnen Petra Wimbersky, Conny Pohlers und Sandra Smisek oder Martina Müller haben teils beachtliche Quoten. Das Mittelfeld wird von Renate Lingor angeführt und ermöglicht den Stürmerinnen immer wieder gute Chancen. Im tor ist die erfahrene Silke Rottenberg ein sicherer Rückhalt. Die Abwehr wird ihr Können in China auch gegen stärkere Teams als zuletzt unter Beweis stellen müssen und werden. Insgesamt ist die Nationalelf nach einer erfolgreichen Verjüngung und des Trainerwechsels zu Silvia Neid nach der Frauen-EM 2005 jedoch ausgeglichen und auch auf der Bank gut besetzt.
Die Gruppe A der deutschen Frauen hat sich bis auf eine Veränderung im Vergleich zu 2003 nicht verändert. So wird man statt auf Kanada auf die Engländerinnen treffen. Des Weiteren hat man das erneute Vergnügen mit Japan und Argentinien.
Mit letztgenannten wird dann auch das Eröffnungsspiel bestritten. Dabei sind die Argentinierinnen ein anspruchsvollerer Gegner als vor vier Jahren. Nachdem sie beim letzten Turnier nur Erfahrung und Gegentore sammeln konnten, hat sich das Team weiterentwickelt und gewann sogar überraschen die Südamerikameisterschaft im Finale gegen Brasilien. Das größte Defizit der Südamerikanerinnen stelle sicher die Chancenverwertung dar. Insgesamt befindet sich die junge Mannschaft von Trainer Carlos Borrello noch in der Entwicklung und dürfte zu bezwingen sein und einen guten Auftakt ermöglichen.
Danach gilt es gegen die Engländerinnen zu bestehen, die als Geheimfavorit auf den Turniersieg gelten. In der Qualifikation ließ man nur zwei Gegentore zu, was für eine extrem stabile Abwehr spricht, da man gegen Mannschaften wie Frankreich oder die Niederlande in der Qualifikation bestehen musste. Dieses Spiel könnte sich also zu einem Prüfstein für die viel gelobte und durchschlagskräftige Offensive entwickeln.
Im letzten Gruppenspiel wird das deutsche Team von den Spielerinnen aus dem Land der aufgehenden Sonne erwartet. Nach einer schwierigen Qualifikation in der relegation gegen Mexiko konnte sich die Mannschaft noch für die WM-Endrunde qualifizieren, wo man aber seit 1995 nicht mehr über die Gruppenphase hinausgekommen ist. Daher ist das überstehen der Gruppenphase auch das Hauptziel der Japanerinnen, die sich durch einen extremen Teamgeist und ein gutes Stellungsspiel, das ihnen immer wieder Raum für Chancen verschafft. Aus der homogenen Mannschaft ragt jedoch Mittelfeldakteurin Homare Sawa, die eine beachtliche Trefferqoute von 60 Toren in 118 Spielen vorweisen kann. Dennoch sollte die Mannschaft für eine dann hoffentlich gut ins Turnier gestartete deutsche Elf kein Problem darstellen.
Insgesamt ist die deutsche Mannschaft ohne Zweifel Favorit auf den Gruppensieg, der eigentlich relativ mühelos erreicht werden sollte, auch wenn sich die Gruppengegner in den letzten Jahren sicher weiterentwickelt haben sollten. In diesem Falle würde man auf den Gruppenzweiten der Gruppe B treffen, in der der Gruppensieg aller Voraussicht nach unter den Schwedinnen und dem ganz großen Favorit, den USA, ausgemacht werden wird.
Die härtesten Konkurrentinnen dürften sicher die Vereinigten Staaten darstellen. Die mit jungen und alten Spielerinnen besetzte Mannschaft hat kaum Schwächen. Auch ein seit Monaten vorbereitendes Trainingslager dürfte seinen Wirkung nicht verfehlt haben und das Team noch besser auf die WM vorbereitet haben. Die Mannschaft möchte nach dem Kontinentalpokalsieg und Olympiasieg in Athen auch wieder die Weltmeisterpokal ins Land holen. Das Team besteht ausschließlich aus gut bezahlten Profifußballerinnen, aus denen Kristine Lilly mit 36 Jahren als älteste und wohl erfahrenste Spielerin herausragt.
Eine weitere der „großen“ Mannschaften im Frauen-Fußball sind die Schwedinnen, die sich im letzten Finale der deutschen Mannschaft in der Verlängerung knapp geschlagen geben mussten. Diesmal kann man erneut auf eine sehr schlagkräftige Truppe zurückgreifen, die im Grunde auch schon das Gerüst der Mannschaft von vor vier Jahren darstellte. Im Vorfeld des Turniers hatte der Trainer vor allem versucht die taktischen Variationsmöglichkeiten zu vergrößern, um im Spiel flexibel auf den Gegner reagieren zu können. Dabei sind sie ähnlich offensivstark und verfügen ebenfalls über eine wenn auch nicht ganz so starke Defensive wie das deutsche Team. Die Mannschaft ist ebenfalls mit routinierten Weltklassespielerinnen bestückt und dürfte damit auch berechtigte Ansprüche auf den Titel haben.
Des Weiteren können sich auch die Ballzauberinnen aus Brasilien mit der aktuellen Weltfußballerin Marta in ihren Reihen gewisse Hoffnungen machen auf den Turniersieg, nachdem man nach einen brillanten Turnier nicht den Südamerikapokal mit nach Hause nehmen konnte. Das Team ist technisch sehr versiert und sehr jung. Ein Problem könnte allerdings eine fehlende taktische Disziplin darstellen.
Auch die Gastgeberinnen können sich unter anderem durch den Heimvorteil geringe Hoffnungen machen. Nachdem das Team in der Vergangenheit im Chaos versank, befindet es sich nun im Wiederaufbau und möchte an die erfolgreichen Zeiten anknüpfen, die sie bereits schon einmal ins Finale geführt haben, wo sich dann allerdings geschlagen geben müssen.
In diesem durchaus potenten Umfeld wird es für die deutsche Mannschaft sicherlich schwer, sich jenseits der Gruppenphase bis zum Turniersieg durchzukämpfen. Allerdings verspricht dies auch viele spannende und vor allem auch schöne Spiele, da man auf jeden Fall in der Lage ist wenn nicht alles schief läuft jeden Gegner zu schlagen. Auch ist die im Vergleich zu anderen Gruppen „leichtere“ Gruppenphase, ähnlich wie bei den Herren im letzten Jahr, optimal um ins Turnier zu finden und dort den Grundstein für einen erfolgreichen weiteren Verlauf zulegen. Allerdings ist wäre ein frühes Ausscheiden laut Theo Zwanziger angesichts des riesigen Favoritenkreises zu verkraften.
Vier, fünf können Weltmeister werden – wir gehören dazu. (Theo Zwanziger)
Dieser Satz lässt einen jedoch wohlgemut in das Turnier blicken, das hoffentlich wieder einen so schönen Abschluss nimmt wie das letzte, denn in Bestform können sie sich wahrscheinlich nur selber schlagen.
Ich weiß, dass sie alles mitbringen, um weit zu kommen. Ich hoffe nur, dass sie sich selbst nicht zu sehr unter Druck setzen. (Silvia Neid)
Zum Abschluss noch eine Ergänzung zu unserem Bundesliga-Splitter vom Montag. Felix Magath erhält nämlich nun laut ARD-Videotext einen Kirschkuchen von der Bahn. Hintergrund: Nachdem er am letzten Wochenende der Bahn, als Hauptsponsor von Hertha BSC Berlin, die Schuld an der Niederlage geben wollte, da diese die Wolfsburger Mannschaft nur mit zweistündiger Verspätung nach Berlin brachte, beschwerte er sich außerdem noch über fehlenden Kuchen im Bordbistro. Eine Schuld an der Niederlage weist der Bahnsprecher aber zurück.