Winter-Analyse ‘08: Das Niemandsland 11. Januar 2008
Posted by M@x in Bundesliga.add a comment
Nachdem die bisher analysierten Vereine in verschiedener Hinsicht eine ordentliche Vorrunde absolviert haben und sich mehr oder weniger große Hoffnungen für die zweite Halbserie machen können, müssen sich die nächsten vier Vereine nach allen Seiten in der Tabelle umschauen. Einerseits ist mit einem guten Lauf noch ein Sprung nach oben möglich, doch eher ist dank einer Serie von Misserfolgen der Abstiegskampf auf der Tagesordnung. Kurz: Ich definiere das als Niemandsland der Tabelle. Es war weder richtig gut, noch richtig schlecht.
Borussia Dortmund (P10 – 21 Punkte – 26:30 Tore)
Ohne wirklich konkrete Ziele sind die Dortmunder in diese Spielzeit gegangen. Einerseits spekuliert, hofft oder erwartet man bei den Schwarz-Gelben immer eine überragende Saison. Andererseits scheinen sich die Verantwortlichen nach Jahren der Fehleinschätzung endlich besonnen zu haben, dass mit der aktuellen wirtschaftlichen und mannschaftstechnischen Situation nicht mehr als die momentane Tristesse möglich ist. Das große Problem liegt auf der Hand, wenn man sich einmal die Platzierungsgrafik anschaut. Nach katastrophalen Saisonstart ging es in riesigen Sprüngen nach oben, sodass wieder gefährliche Höhenluft geschnuppert werden konnte. Der Absturz folgte kurz darauf, der momentane zehnte Rang spiegelt ungefähr die Leistungsfähigkeit des Kaders wieder. Größtes Problem ist die Abwehrreihe, wo sich die vor Saisonbeginn favorisierte Manndeckung Kovac/Wörns als zu langsam herausstellte. Beide mögen nach wie vor ein überragendes Stellungsspiel intus haben, doch bei fehlender Unterstützung aus dem Mittelfeld kommt es schnell zu größeren Problemen. Talent Markus Brenszka zeigte zwar positive Ansätze, spielt aber auch zu wechselhaft und fehlte am Ende der Vorrunde gesperrt. Logisch also, dass der BVB mit Antonio Rukavina und Mats Hummels zwei junge, frische und mit passender Grundschnelligkeit ausgestattete Innenverteidiger nachkaufte. Zweiter Problempunkt ist der Sturm. Alexander Frei fehlte die gesamte Herbstserie, über Nelson Valdez wollen wir nicht reden und selbst Diego Klimowicz erzielte nur drei Tore. So war Mladen Petric erfolgreichster Torschütze. Achtmal netzte der Neuzugang aus Basel ein, obgleich er an den ersten Spieltagen noch als Fehleinkauf galt. Enttäuschend ebenfalls Jakub Blaszczykowsi, der die Vorschusslorbeeren nie bestätigen konnte. Mit der möglichen Rückkehr von Alex Frei dürften die Dortmunder alsbald wieder eine ernsthafte Option mehr im Angriff haben. Sorgen macht man sich um die Torwartposition. Roman Weidenfeller war zunächst unsicher und ist jetzt lange verletzt. Mit Marc Ziegler steht zwar ein überdurchschnittlicher Ersatzmann bereit, aber dennoch will man in Dortmund die Verpflichtung von Jens Lehmann unbedingt. Dann hätte der mitunter für Dortmund zu sensible Coach Thomas Doll einen echten großen Rückhalt im Kasten. Prognose: Dortmund hat nichts mit dem Abstiegskampf zu tun, aber nach oben wird es auch nicht gehen. Die Leistungen bleiben wechselhaft, letztendlich eine Platzierung zwischen 9 und 11.
VfL Wolfsburg (P11 – 20 Punkte – 30:30 Tore)
Er kam als großer Zauberer und führte den VfL letztendlich dahin, wo schon viele seiner Vorgänger landeten. Die großen Ambitionen in der Autostadt wurden wieder einmal mit einer mittelprächtigen Vorrunde nicht durch Resultate untermauert. Wie auch? Der Kader gibt eigentlich nicht mehr als einen Mittelfeldplatz her. Es stehen zwar einige talentierte junge Spieler auf der Wolfsburger Gehaltsliste, doch richtig glücklich kann Felix Magath mit dem Abschneiden nach 17 Spielen nicht zufrieden sein. Trotz schon 30 Toren steht nur der elfte Tabellenrang, vor allen Dingen die Abwehr muss dem Supervisor Magath Kopfschmerzen bereiten. Dass dabei auch die schwachen Spiele von Simon Jentzsch eine Rolle gespielt haben, steht außer Frage. Der ehemalige Nationalmannschaftskandidat fügt sich seit anderthalb Jahren seinem Schicksal in Wolfsburg, wo er sich eigentlich einen Karrieresprung erhofft hatte, mit durchschnittlichen Spielen. Ob allerdings eine eine solche Verballhornung Jentzschs im vorletzten Ligaspiel notwendig war, steht in Frage. So stellt sich die Frage nach dem Schlussmann, Lehmann sagte ab. Sollte wirklich Heinz Müller vom englischen Zweitligisten FC Barnsley kommen, wäre das zwar ein Bundesliga-Neuling, aber ein Spieler, den mehrere Premier League-Vereine auf ihrer Transferliste notiert hatten. Erstaunlicherweise schlug bei den „Wölfen“ der Abgang von Diego Fernando Klimowicz nach Dortmund nicht so ins Gewicht, wie das vermutet wurde. Der junge Edin Dzeko war ein guter Griff, auch Graffite zeigte gute Ansätze. Doch der Brasilianer hat sich noch nicht richtig an die Liga gewöhnt, bereitet den Berichterstattern eher durch die Aussprache seines Namens Probleme. Von „Kraffitt“ bis „Grawidsche“ war da eigentlich schon alles dabei. Eine wichtige Stütze am Ende der Vorrunde war auch Christian Gentner, etwas unerwartet, nachdem es zuvor in Stuttgart einen mächtigen Karriereknick gegeben hatte. Die Wolfsburger haben mit Sicherheit einiges Potential in ihren Reihen, jedoch wird es noch einige Zeit dauern, bis Magath dieses wird komplett aktivieren können. In der Rückrunde wohl eher nicht. Dennoch sollte man in Niedersachsen eher nicht mit dem Abstiegskampf in Verbindung kommen, es sei denn, der junge Dzeko nimmt sich einmal eine kreative Auszeit und Marcelinho spielt launisch wie in seiner Hertha-Endzeit. Doch Magath wird die Zügel schon straff halten. Prognose: Auch Wolfsburg macht im Spektakel um die bedeutungslosen Plätze 9 bis 11 mit.
Hertha BSC Berlin (P12 – 20 Punkte – 19:24 Tore)
Sorgen mache ich mir da schon eher um die „Alte Dame“ aus Berlin. Direkt zum Hinrundenabschluss konnte ich mir ja einmal vor Ort ein Bilder von Hertha machen. Letztendlich stand das Fazit: Brav mitgespielt, aber zu wenig entschlossen agiert. So war es ein sehr schweres erstes halbes Jahr für den neuen Trainer Lucien Favre bei den Hauptstädtern, zu Saisonbeginn erwägte er sogar kurzzeitig seinen Rücktritt. Dazu kam es dann aber nicht, weil sich Favre der Herausforderung stellen wollte, zwischenzeitlich mischte Hertha sogar ziemlich weit oben mit. Doch im Endeffekt gab es wie bei allen Teams in diesem Teil der Winter-Analyse ein entscheidendes Problem: Fehlende Konstanz. Hertha ist neben Dortmund die größte Wundertüte der Liga: Am einen Tag himmelhochjauzend mit Posaunen und Trompeten die Welt erobernd, um eine Woche später mit kleinlautem Pfeifen einen gnadenlosen Rohrkrepierer zu starten. Apropos Rohrkrepierer, diese Bezeichnung passt wohl wunderbar auf fast alle Sommerneuverpflichtungen, da muss man dem Management wirklich schlechte Arbeit attestieren. Zwar war der Leistungseinbruch von Jaroslav Drobny so nicht vorherzusehen, aber André Lima müsste man zwingen, seine Millionenablösesumme aus dem Privatvermögen zurückzuzahlen, Steve von Bergen wirkt verunsichert, Tobias Grahn und Fabian Lustenberger sind vielleicht gute Zweitligaspieler. War noch jemand? Genau, Lukas Pisczczek, den kaum jemand kennt, warum auch? Die Defensivarbeit unter Favre funktioniert gut in Berlin, aber in der Offensive harpert es. Umso besser, dass jetzt endlich Raffael vom FC Zürich losgeeist wurde. Ich muss aber ehrlich zugeben, dass ich ihn vor dem Hertha-Transferspektakel nicht kannte. In der Schweiz unter Favre war Raffael ein großartiger Torjäger, eine lange Eingewöhnungszeit in der deutschen Eliteliga wird ihm aber wohl nicht zugestanden werden. Wird auch Raffel zu einem Flop, muss sich nicht nur Dieter Hoeneß hinterfragen, sondern auch Lucien Favre, schließlich war es sein Wunschspieler, um den seit Sommer gebuhlt wurde. Und das kann es auch richtig eng werden in der Tabelle. Gleich zum Rückrundenauftakt gibt es ein schwieriges Programm. Nacheinander spielt man gegen Frankfurt, Stuttgart, Bielefeld, Wolfsburg und Duisburg. Das sind zwar lösbare Aufgaben, geht das jedoch schief, ist der weitere Weg für Hertha vorgezeichnet: Abstiegskampf. Andersrum – mit einer guten Serie zu Beginn der Rückrunde – kann man sich schon früh dergleichen Sorgen entledigen. Prognose: Es wird viel von Raffael abhängen. Hertha wird eine schwere Rückserie haben, aber letztendlich im „gesicherten“ unteren Mittelfeld verharren.
VfL Bochum (P13 – 19 Punkte – 25:27 Tore)
Im Vergleich zu den anderen drei Klubs dieser Rückschau hatte man sich in Bochum vor Saisonstart mehr erhofft, in dieser Kategorie zu landen. Mit 19 Zählern, also vier Punkten Vorsprung auf die Abstiegsränge war es eine gute erste Halbserie für die Ruhrpottmannschaft um Trainer Marcel Koller. Furios startete der Verein in die Saison, und ließ damit den schmerzhaften Abgang von Theofanis Gekas eigentlich schon vergessen. Nach drei Spieltagen war Bochum Tabellenzweiter hinter dem FC Bayern, ehe es danach acht sieglose Spiele gab und der Absturz auf die Abstiegsränge folgte. Jedoch ist man bei der ehemaligen „Fahrstuhlmannschaft“ inzwischen besonnen genug, um diese Situationen richtig zu analysieren. Marcel Koller hat gehandeöt und seine Etablierung als Trainer in Deutschland endgültig abgeschlossen, indem er richtige Maßnahmen traf, damit der VfL im Endeffekt mit einem kleinen Winterpolster in die Spielpause gehen konnte. Stanislav Sestak ist der „neue Gekas“, erzielte acht Tore und bereitete zudem sieben weitere vor, ist damit bei weit mehr als der Hälfte der Treffer beteiligt gewesen – Überragend! Mit Mimoun Azaouagh konnte jetzt außerdem ein neuer kreativer Mittelfeldspieler verpflichtet werden, der dem VfL in der Rückrunde zusätzlich mit seiner Kreativität weiterhelfen wird. Probleme jedoch gibt es auf der Torwartposition. Eigentlich schade, denn mit van Duijnhoven und Drobny hatte man dort in der Vergangenheit überragende Spieler zur Hand. Aber Neuverpflichtung Jan Lastuvka ist ein großer Unsicherheitsfaktor, bekam dann nach zwölf Partien den nur wenig sicherern René Renno vor die Nase gesetzt. Jetzt entscheidet sich in der Vorbereitung auf die Rückrunde, wer zwischen den Pfosten stehen wird. Vielleicht sollte man auch Philipp Heerwagen, zuvor verletzt, eine Chancen geben, in Unterhaching hat er seine Klasse mehrfach unter Beweis gestellt. Insgesamt hat sich in Bochum einiges zum Guten gewendet. Das einst hektische Management hat mit Stefan Kuntz an Stabilität gewonnen. Dennoch geht es gegen den Abstieg, dessen sind sie sich in Bochum aber bewusst. Prognose: Weitet sich das Torwartproblem aus, wird es sehr eng. Sonst aber hat der VfL eine realistische Chance, den Klassenerhalt zu schaffen, es wird aber knapp bis zum Ende.
Soweit zu den vier Verein aus der Kategorie „Niemandsland“. Im nächsten und letzten Teil der Rückschau wird es um die Vereine gehen, bei denen schon seit Wochen die Alarmglocken auf Hochtouren laufen. Den Blick auf die Abstiegskandidaten gibt es am Sonntag. Bis dahin, ein angenehmes Wochenende!
Platt am Freitag 11. Januar 2008
Posted by M@x in Bundesliga.1 comment so far
Da kommt man nichtsahnend nach Hause und bekommt den Schock der Woche! Ich hätte mit allen gerechnet, auch mit Peter Neururer, aber nicht mit Jürgen Klinsmann. Ich weiß noch nicht, wie das zu bewerten ist, ich muss das erstmal setzen lassen. Fakt ist: Bei Bayern wird sich strukturell einiges ändern. Wo habe ich meinen Beruhigungsschnaps?
Live-Schaltung der Tagesschau nach München: „Gespenstige Stimmung an der Säbener Straße“ meldet Wolfgang Nadvornik. Passt irgendwie.