Afrika-Cup: 16 Teams unter der Lupe 19. Januar 2008
Posted by M@x in Fussball International.trackback
Alle zwei Jahre findet in Afrika die kontinentale Fussballmeisterschaft statt. Für die Einwohner des Kontinentes ist dieses Turnier von enormer Bedeutung, was deutlich wird, wenn man die fanatischen Fans auf den Rängen aus den vorherigen Turnieren in das Gedächtnis zurückholt. Der Fussball ist für den von Armut geprägten “schwarzen Kontinent” eine Chance, Einnahmen in ungeahnter Höhe zu sichern, oder einfach nur zur Ablenkung vom alltäglichen Elend.
Ich werde den Afrika-Cup in diesem Jahr bereits zum dritten Mal intensiv beobachten. Die beiden vorherigen Turniere haben mich begeistert, sie sind eine echte Perle im oft trüben Fussball-Winter. Sicher fehlt einigen Teams spielerische Klasse, oder es mangelt an guter technischer Ausbildung, aber alle Teams vereint ein riesengroßer Siegeswille, eins ist bei einem Afrika-Cup-Spiel immer sicher: Wenn schon keine Tore fallen sollten, dann ist der ohnehin meist schon schlechte Rasen nach den 90 Minuten mehrmals komplett umgepflügt. Dieser Wettbewerb steht für Leidenschaft, und sehr oft auch für spannenden, attraktiven Fussball. Nur ein Problem vereint fast alle Mannschaften: Eine akute Abwehrschwäche, oft in Einheit mit einem derben Torwartproblem. So ist aber zusätzlich auf für einigen Unterhaltungswert gesorgt.
Ein Problem stellt das Turnier insofern dar, dass der afrikanische Fussball mittlerweile so weit “emanzipiert” ist, dass unzählige Profis ihrer Länder in europäischen Top-Ligen aktiv sind. Der Afrika-Cup ist zumindest bei den Topfavoriten ein Zusammenkommen von Legionären. Laut kicker kommen alleine aus den fünf Topligen England, Spanien, Deutschland, Frankreich und Italien exakt 100 Abstellungen, in vielen Fällen absolute Topstars in ihren Vereinen. In der Bundesliga trifft es den Hamburger SV besonders hart, die mit Zidan, Atouba und Benjamin gleich drei Akteure abstellen müssen. Werder Bremen entsendet ungern Sanogo für die Elfenbeinküste, was aber nix gegen die Verluste von Chelsea ist, die in der nächsten Zeit mit Mikel, Drogba, Kalou und Essien auf Stammspieler bzw. deren Alternativen verzichten müssen. Chelsea ist damit europaweit übrigens Spitzenreiter zusammen mit den Franzosen aus Nizza, die ebenfalls vier Akteure abstellen werden. Hinzu kommen zahlreiche Spieler aus unterklassigen Spielklassen oder aus kleineren europäischen Ligen. Aber: Das Klima in Afrika lässt sich nicht ändern, auch die Afrikaner haben ein Anrecht auf ein Kontinentalturnier mit ihren besten Spielern. Es ist kein neues Problem, und erfahrungsgemäß kehren die meisten Spieler schon relativ früh zurück. Es ist wirklich löblich, dass kein Topstar die Vereinsinteressen in den Vordergrund stellt, sondern sich der Herausforderung Afrika-Cup stellt.
In Gruppe A ist Ghana Favorit. Die Gastgeber wollen nach 26 Jahren erstmals wieder das Turnier für sich entscheiden. Natürlich ist die Euphorie groß, die Medien und Fans in der Heimat sprechen schon seit langer Zeit nur noch vom Finale, alles andere wäre eine große Enttäuschung. Bei der WM vor anderthalb Jahren lieferte Ghana von den Afrikanern die überzeugendste Vorstellung ab, scheiterte erst im Achtelfinale gegen Brasilien. Aufgefallen durch fesches Offensivspiel, wie etwa beim 2:0 gegen Tschechien, für mich seinerzeit eines der besten Spiele des Weltturnieres. Schmerzlich ist die Absage von Stephen Appiah, der an einer Knieverletzung laboriert. Ghana hat in der Breite vielleicht den hochwertigsten Kader aller Teilnehmer und ist mein Topfavorit. Im Grunde ist nur die Frage, wie die Spieler mit dem wahnsinnigen Erwartungsdruck umgehen werden. Lediglich bei optimalen Verlauf rechne ich Marokko Außenseiterchancen zu. Gut besetzt ist die Offensive, u.a. mit dem ehemaligen Duisburger Mokthari, Youssef Hadji von AS Nancy oder Tarik Sektouri vom FC Porto. Die anderen beiden Teams in dieser Gruppe sind Guinea und Namibia. Bei Namibia stehen zwei Deutschland-Legionäre im Kader, mit Oliver Risser ein ehemaliger Oberliga-Spieler aus Bonn, sowie Collin Benjamin vom HSV. Im Verein spielt Benjamin meist in der Defensive, sein Trainer aber nominierte ihn als Stürmer, was auch die Chancen von Namibia in diesem Turnier untermauert.
Kein Turnier ohne Todesgruppe. Geeignet ist dafür heuer die Konstellation in Gruppe B. Die hochgelobte Elfenbeinküste galt eigentlich als einer der ganz heißen Titelkandidaten, aber der überraschende kurzfristige Rücktritte von Coach Uli Stielike wegen privater Sorgen könnte dem Team einen Knacks gegeben haben. Mit viel Lob überschüttet wurden die Ivorer 2006 wegen ihrer offensiven Spielweise, nicht verwunderlich bei diesem Sturmangebot: Drogba, Kalou, Dindane, Keita, zweimal Koné, Gervinho und Sanogo verdienen allesamt in den Top-Ligen ihr Geld. Als Problemfeld offenbarte sich aber schon im vorvergangenen Sommer die Abwehr, die teils vogelwild umherrennend nur afrikanischem Durchschnitt entspricht. Viel Druck dürfte auch Berti Vogts mit seinen Nigerianern haben. Die verpatzte WM-Qualifikation und das lange Zurückliegen des kontinentalen Titels (letztmals 1994) gefällt den erfolgshungrigen Fans nicht. Mit einem auf fast allen Positionen gut besetzter Kader gibt es für “McBerti” eigentlich nur den Titel als Ziel, sonst dürften seine Tage in Nigeria wohl wieder gezählt sein. Gespannt bin ich auf die Spielweise der Nigerianer, ob sie auf die der Vergangenheit bekannten munter-forschen, teils fahrig vergebenen Angriffszüge setzen, oder ob die Arbeit von Berti Vogts, der zuvor stets mit Defensivspezialisten arbeitete, die ganze Sache etwas vorsichtiger aussehen lässt. Dritter Kandidat in dieser Todesgruppe ist Mali, die mit Diarra von Chelsea oder Keita von Sevilla gute Akteure in ihren Reihen haben. Patzt einer der beiden Favoriten muss Mali in die Lücke stoßen. Bei früheren Turnieren wuchsen die Westafrikaner oft über sich hinaus. Absoluter Außenseiter in Gruppe B ist Benin, die ohne große Stars daherkommen, bekanntester Mann ist der deutsche Coach Reinhard Fabisch.
Klar verteilt sehe ich die Rollen in Gruppe C. Die “Löwen” als Kamerun mit dem dritten deutschen Trainer im Turnier, Otto Pfister, gehören traditionell zu den Favoriten auf den Titelgewinn, so natürlich auch dieses Jahr. Viel wird aber von der Form von Topspieer Samuel Eto’o abhängen, der sich mit zwei Toren für Barcelona gegen Murcia aus der Primera Division abmeldete. Kamerun wird sich mit dem Titelverteidiger Ägypten messen müssen. Bei den Pharaonen bin ich gespannt, ob sie auch fernab der Heimat die starke Leistung von vor zwei Jahren wiederholen können. Ohne ganz großen, in Europa bekannten Namen, startet man in Ghana, auch mit Torjäger Mohamed Zidan, der sich nun vielleicht im Nationalteam etwas mehr Selbstvertrauen holen kann. Die beiden anderen Teams hier sind Sudan und Sambia, großteils bestückt mit Spielern aus den heimischen Ligen. Insgesamt ist Gruppe C die “afrikanischste” aller Gruppen, zumindest was die Vereine der beteiligten Spieler angeht.
Sehr interessant finde ich Gruppe D. Zwei WM-Teilnehmer von 2006, der Frankreich-Schreck sowie der Gastgeber für die nächste Weltmeisterschaft. Favorit auf den Gruppensieg dürfte Tunesien sein, der Afrika-Cup-Sieger von vor vier Jahren. Sie sind mit Sicherheit das Team, das am meisten durch technische Fähigkeiten brilliert. Beim letzten Weltturnier wussten die Nordafrikaner durch ihre Ballsicherheit zu gefallen, aber an Intensität im Zweikampfverhalten mangelte es zu oft. Wenn das Team von Roger Lemerre das nicht in den Griff bekommen hat, wird man trotz der großen Namen dieses Jahr relativ früh die Segel streichen müssen. Mit Frankreich-Schreck war natürlich der Senegal gemeint. Groß rausgekommen sind die Senegalesen eben bei der WM 2002, als sie die “Equipe Tricolore” im Auftaktspiel besiegen konnten, damit den Anfang vom Ende der erfolgreichen französischen Ära im Weltfussball einläuteten und sich anschließend noch für das Achtelfinale qualifizierten. Seitdem haben immer mehr Spieler aus dem Senegal den Sprung nach Europa geschafft, trotzdem steckt man momentan in einer kleinen Umbruchphase, weil einige Spieler, die 2002 zu den Helden gehörten, mittlerweile durch jüngere Akteure ersetzt werden. Zudem weiß man mit Tony Sylva (OSC Lille) einen der hcohklassigsten Torhüter des Wettbewerbes auf seiner Seite. Drittes Team ist Angola. Vor der WM 2006 wusste man wenig über sie, insgesamt spielten sie ein braves, aber sehr unspektakuläres Turnier. Spiele mit Angola waren von einigen Unzulänglichkeiten im Spielaufbau und relativ niedriges Tempo geprägt. Für mich haben sie in dieser Gruppe nur Außenseiterchancen, besonders freue ich mich auf ein Wiedersehen mit Loco, der einst mit seiner tollen Frisur aufgefallen ist. Mein besonderes Interesse aber gilt Südafrika. In den vergangenen Jahren gab es von dort nur negative Meldungen, weil sich die Nationalmannschaft in einer Krise befindet, bei einem Weltturnier waren sie seit 1998 2002 (Danke Nab!) nicht mehr dabei. Jetzt ist es die Aufgabe, für die WM im eigenen Land in zwei Jahren eine schlagkräftige Truppe zu züchten, besetzt neben jungen Talenten auch mit den europaerfahrenen Mokoena (Blackburn), Pienaar (Everton) oder Zuma (Bielefeld). Für Südafrikas Team geht es bei diesem Turnier in erster Linie darum, Spielpraxis für die nächsten zwei Jahre zu sammeln.
Wir werden in den nächsten drei Wochen intensiv über den Afrika-Cup 2008 berichten. Geplant sind regelmäßige Berichte über das aktuelle Geschehen im Abstand von ein, zwei Tagen. Zudem wird es zwei oder drei Live-Blogging geben. Mehr dazu bzw. zu exakten Terminen gibt es in der passenden Kategorie, die an diesem Wochenende noch komplett überarbeitet wird. Geplant ist zunächst für nächste Woche Sonntag die Partie Tunesien gegen Südafrika.
DIE Frisur findest du toll? Und Südafrika war übrigens noch 2002 WM-Teilnehmer, hätten es sogar fast in Achtelfinale geschafft (und wären dann deutscher Gegner gewesen).
Ansonsten eine schöne Vorschau, leider geht mein Eurosport nicht, sonst würde ich spätestens ab dem Viertelfinale mal reinschauen.
Danke für den Hinweis, das hatte ich doch tatsächlich vergessen. Ich war mir eigentlich relativ sicher, sodass ich hier auf eine Nachrecherche verzichtet habe, hätte ich doch mal machen sollen.
Das mit der Frisur war übrigens Ironie